Von Antennenwäldern und Wellenozeanen


HINTERGRUND DES THEMAS

Zu den Hauptgründen der Entwicklung der neuen Mobilfunkgeneration 5G gehören zum einen die rapide steigende Anzahl an »smarten« Geräten und kabellosen digitalen Kommunikationstechnologien weltweit, sowie zum anderen der allgemein zunehmende Datenverbrauch. Studien prophezeiten schon vor einiger Zeit, dass die bislang bestehenden Netze in naher Zukunft nicht mehr fähig sein würden, den steigenden Datenverkehr zu bewältigen – vor allem in Großstädten wie Berlin. Nun ist 5G in Berlin bereits an vielen Orten Realität. 5G soll durch eine größere Anzahl an Funkantennen, breitere Frequenzspektren, geringere Latenzen und hohe Übertragungsraten die Kapazitäten für die nächsten Jahre gewährleisten: die neue Generation soll deutlich schneller als die bisherige LTE / 4G Generation sein und vor allem die Möglichkeit bieten, wesentlich mehr Endgeräten als bisher über einen einzigen Anschluss anzubinden. Dies ermöglicht wiederum die Vernetzung aller möglichen »smarten« Geräte und Sensoren. Prognosen gehen davon aus, dass weltweit schon bald über 50 Milliarden Endgeräte vernetzt sein werden. Etwa 1000-mal mehr Endgeräte sollen pro Quadratkilometer vernetzbar werden, wofür sich eine Vielzahl von Nutzungskonzepten in der Entwicklung oder schon im Einsatz befinden – von der vereinfachten Parkplatzsuche, bis hin zum »smarten Mülleimer«.

 

DEN HERTZIANISCHEN RAUM ERFAHRBAR MACHEN

Schon im Jahr 2014 lag die Menge an menschengemachter elektromagnetischer Strahlung geschätzt um das 1018-fache höher als die natürlich vorkommende Menge. Als ein den Planeten umspannendes, menschengemachtes Phänomen, das sich unserer Vorstellungskraft entzieht, wird dieser nicht wahrnehmbare Raum damit zu dem, was der Philosoph Timothy Morton als »Hyperobjekt« bezeichnet. Aus dessen Unsichtbarkeit entspringt eine ästhetische Herausforderung, welche Künstler*innen schön länger dazu inspiriert hat, über verschiedene ästhetische wie konzeptuelle Strategien eine größere Zugänglichkeit des »Hertzianischen Raums« für menschliche Sinne einerseits, sowie ihrer politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Dimensionen andererseits, zu schaffen.

In der Veranstaltungsreihe Von Antennenwäldern und Wellenozeanen ging es darum, die nicht wahrnehmbaren Veränderungen, die die verschiedenen Generationen des Mobilfunks und daran anschließende »Smart City«-Technologien für uns und unsere Umgebung bedeuten, künstlerisch wahrnehmbar und in einem zweiten Schritt diskutierbar zu machen. Fragen der Ästhetik von Atmosphäre und Strahlen, gesellschaftliche Transformation und Aktivismus, bis hin zur Kontextualisierung dieser technologischen Entwicklungen vor dem Hintergrund der Ressourcenknappheit und Nachhaltigkeit werden verschiedene Schwerpunkte der einzelnen Formate und Events setzen.

 

KÜNSTLERISCHE INTERVENTIONEN

Über das Format der »Interventionen« sollte nicht nur intellektuell-theoretisch, sondern vor allem durch die aktive Einbettung in den öffentlichen Stadtraum und partizipative Gestaltung ein körperliches Erfahrungswissen ermöglicht werden.

Die einzelnen Interventionen adressierten und hinterfragten dabei konkret gesellschaftspolitische Aspekte, Infrastrukturen oder auch Fragestellungen der eigenen körperlichen Einbettung und setzen dafür u. a. die folgenden Themenschwerpunkte:

  • SMART CITY
    Mit dem Aufkommen der Smart City übertragen und erfassen immer mehr Sensoren, Geräte und Antennen unsere Informationen. Sie ermöglichen immer umfassendere und schnellere digitale Interaktion, aber prägen sie auch. Wie wirken sich neue technologische Entwicklungen darauf aus, wie wir uns in der Stadt bewegen? Wer kontrolliert unsere Daten und was bedeutet technische Demokratie?
  • NICHT-MENSCHGEMACHTE STRAHLUNG
    In einer Zeit, in der das Wissen über Kommunikationsmechanismen und -systeme unter Tieren wie unter Pflanzen stetig zunimmt gehen wir Fragen nach natürlichen elektromagnetischen Signalen und Frequenzen auf den Grund: Welche Methoden können eingesetzt werden, um einen Zugang zu mensch-gemachten elektromagnetischen Signalen und Frequenzen zu schaffen, der über das anthropozentrische Weltbild hinausgehen? Welche Arten von »natürlichem Radio« können uns mehr über Formen von menschlichen und nicht-menschlichen Interaktionen im elektromagnetischen Bereich verraten?
  • KÖRPER
    Vor dem Hintergrund der Vielfalt der Signale und Datenströme, die unsere Körper umgeben und durchdringen, befassten wir uns mit der Frage, wie ein körperlich-sensorisches Verständnis und Erleben dieser für uns ansonsten nicht wahrnehmbaren Signale aussehen könnte. Durch experimentell-spekulative sowie DIY Ansätze wurden potenzielle Formen der Verkörperung elektromagnetisch übermittelter Informationen erdacht, erprobt und diskutiert.
  • VERNETZTE LANDSCHAFTEN
    Um zu verstehen, wie Netzsysteme für die Übertragung von Nachrichten von Punkt A nach Punkt B funktionieren und Antennen, Wellenleiter und Übertragungsleitungen Teil der Landschaft werden, befassten wir uns mit vernetzen Landschaften – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – und den sie ausmachenden Merkmalen. Wie kann sich die Technologie an eine bestimmte Umgebung anpassen und nicht umgekehrt?

 

KONFERENZ

Im Anschluss an die Interventions-Reihe fand die Konferenz »Forests of antennas, oceans of waves. An exploration of art and theory in electromagnetic urban environments« im Museum für Kommunikation in Berlin statt. Sie griff die Themen der Gesamtveranstaltung auf theoretischer Ebene auf, indem sie erstmals internationale Wissenschaftler*innen zu diesem Themenkreis in Berlin zusammenbringt. Sie bestand aus einer öffentlichen eintägigen Konferenz mit einer Keynote von Jennifer Gabrys für ein allgemeines Publikum, sowie einem eintägiger Thesen- und Szenario-Workshop für die Referent*innen und geladenen Gäste. Aus dem Workshop ging eine Sammlung von Ergebnissen, Thesen und Szenarien zu 5G und urbanen Umgebungen hervor, die im Rahmen der Abschlussausstellung präsentiert wurde.

Während der Konferenz wurde zudem eine neue, ortsspezifische Klangkunst-Arbeit des Künstlers Mario de Vega präsentiert, die dieser speziell zum Thema der Veranstaltungsreihe und für den Lichthof des Museums für Kommunikation konzipiert hatte.

 

AUSSTELLUNG & KONZERT

Im Zentrum der abschließenden Ausstellung im Projektraum Liebig12 standen Werke der Künstler*innen Susanna Hertrich und Jonathon Keats. In ihrer jeweiligen Arbeit und Forschung befassen sich die beiden Künstler*innen auf unterschiedliche Weise mit Phänomenen elektromagnetischer Strahlung durch spekulativ forschende, mit der Ästhetik und den Diskursen der Wissenschaft spielende, sowie mythologische basierte künstlerische Ansätze und Formsprachen. Die gezeigten Arbeiten eröffneten damit nochmals neue Perspektiven auf die Thematik und unsere elektromagnetische »Umwelt«.

Begleitend zur Ausstellung fand an einem Abend ein Gespräch mit den Künstler*innen zu ihrer künstlerischen Praxis und den in der Ausstellung gezeigten Arbeiten statt.

Im Rahmen des künstlerischen Abschlussprogramms der Veranstaltungsreihe wurde außerdem ein Konzert-Abend mit den Künstler*innen Marta Zapparoli und Martin Howse im Panke Culture Club im Wedding präsentiert. Beide Künstler*innen hatten für diesen Abend und das Thema der Projektreihe neue Arbeiten entwickelt.

 


TEAM

Shintaro Miyazaki
(Humboldt-Universität zu Berlin)
KURATION

Birgit Schneider
(Universität Potsdam)
KURATION

Daniela Silvestrin
(Freie Kuratorin, Berlin)
KURATION & PRODUKTION

Christoph Papendorf
PRODUKTIONS­ASSISTENZ

Doreen Löwe
KOMMUNIKATION

Dicey Studios
DESIGN